07.02.15 Fisch am Hafen


Manche Besucher aus dem Binnenland wundern sich, dass es nicht immer ganz einfach ist, an der Ostsee fangfrischen Fisch zu bekommen. Das war nicht immer so.
Noch vor ein paar Jahrzehnten gab es in nahezu jedem Hafen aktive Berufsfischer. Wer nicht auf der Mole saß und Netze flickte, war mit seinem Boot auf dem Wasser. Zurückgekommen, verkaufte er Fische direkt vom Kutter. Da brachte wahrscheinlich mehr als der reguläre Verkauf an die Genossenschaft und war immer noch günstiger als im Fachgeschäft. Vor allen Dingen war der Fisch unnachahmlich frisch und es gab ihn in heute hierzulande nicht mehr anzutreffenden Mengen.

Mitte der 80-er Jahre segelten wir im Herbst von den Shetlands nach Skagen und hatten uns schon in den letzten Ruderwachen ausgemalt, wie gut uns gebratenene Scholle oder Dorsch schmecken werden. Kaum war das Schiff versorgt, machten wir uns auf Nahrungssuche. An mehreren Stellen an der Hafenkante wurde Fisch angelandet; von großen Trawlern aber auch von kleineren Fischerbooten. Eines ist in Erinnerung geblieben. Ein offener Holzkutter von etwa zehn oder zwölf Metern Länge lag am Kai, darin zwei Männer in Wathosen. Sie standen bis zum Bauch in noch zappelndem Fisch. Den schaufelten sie mit "Kohleschaufeln" auf ein Förderband, das vom Boot an Land reichte, wo die silbrige, quirlende Flut lebender Markrelen in bereitstehende Kästen sortiert wurde. Beifang flog in ein separates Fass.

Als wir zwanzig Jahre später wiederum in Skagen anlandeten, war der Hafen von Jachten übervoll. Also wies uns der Hafenmeister einen Platz im Nordbecken an, das gewöhnlich für die Fischerei reserviert war. Schon bald stach uns ein penetranter Gestank von vergammelndem Fisch in die Nase. Dort lagen zahlreiche Trawler, die ihren Fang löschten. Aber nicht mehr mit Schaufel und Förderband, sondern mit einer Pumpe, die durch einen dicken, zuckenden Schlauch den Fisch aus dem Schiff direkt in Lastwagen spuckte. Blutiges Seewasser lief in breiten Strömen in das Hafenbecken. Es war zentimerdick mit Tranöl bedeckt. Der "Gammelfisch", den die Kutter in den Hafen brachten, war als Fischmehl für Fisch- und Hühnerfarmen vorgesehen. Eigentlich wollten wir noch die Ausstellung der Skagenmaler besuchen, an die wir uns erinnerten. Aber, wie gesagt, es stank uns  und wir reisten am nächsten Tag ab.

Mittlerweile ist der Fischfangang stärker reglementiert worden - gegen den Protest der Fischer in Europa. Aber die Bestände waren durch den Raubbau so weit geplündert, dass bereits das Ende der Fischerei in der Ostsee vorhergesagt wurde. Viele Kutter sind inzwischen abgewrackt, in Greena hatte eine Abwrackwerft jahrelang Hochkonjunktur.

Die Wirtschaft der Hafenstädte hat sich weitgehend auf Tourismus umgestellt. Fischerboote stehen als Blumenkübel an Land  und die Netze dekorieren den Hafenkiosk. Hobbyangler säumen den Hafen.

Wer heute fangfrischen Fisch sucht, wird in Flensburg beim Fischereiverein fündig. Dort gibt es ein kleines Museum. Es informiert über die Küstenfischerei, die einmal war. An der Hafenspitze liegt auch immer wieder mal ein kleiner Kutter und verkauft Fisch.
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Wenn Fischer in den 1920-er Jahren, ihr Boot anlandeten, packten alle mit an.
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Der Fang wurden ebenfalls gemeinsam sortiert.
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Ganz Niendorf kaufte in den 1950-er Jahren direkt vom Kutter.
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Davon gab es zahlreiche, selbst in diesem kleinen Hafen