19.04.13 Ameisenstraße



Seit der Frühling endlich fühlbar wurde, ist das Bohlwerk wieder Ziel vieler Spaziergänger und Passanten. Morgens trainieren junge Menschen Dauerlauf, Kindergruppen lassen sich von ihren Erzieherinnen und Erziehern die Schiffe erklären.
Dort werden Winterplanen abgeschlagen und Segel gewechselt.  Beim Wegtragen der Planen, Segel und Stellagen wirkt das Bohlwerk wie eine Ameisenstraße und es ergeben sich manchmal lustige Bilder. Sabine hat ein Auge für solche Szenen und freundlicherweise Fotos gesandt.

Tätigkeiten an Bord kann man leicht in zwei Klassen einteilen: Die einen gelingen einfach besser, wenn man sie alleine macht, bei den anderen ist man besser nicht alleine. Wenn zum Beispiel etwas vollkommen misslungen ist, möchte niemand zu viele Augenzeugen um sich haben. Ist es noch schlimmer, sollte auch das Bohlwerk am besten menschenleer sein. Selbst wohlmeinende Ratgeber können dann schon mal heimlich zur Hölle gewünscht werden. Auch bei kniffeligen Arbeiten ist mancher am liebsten ohne seine Liebste. Anders ist es, wenn sperrige Sachen geschleppt werden müssen. Das geht besser mit vielen helfenden Händen und auch die Liebste ist wieder höchst willkommen. Feiern gehört natürlich auch in diese Kategorie. Wer feiert schon gerne alleine?
Größere traditionelle Segelschiffe brauchten schon früher sprichwörtlich ein ganzes Dorf. Mit einem Dorf kann der Museumshafen nicht dienen, aber selten fehlt eine helfende Hand, wenn sie gebraucht wird. Nicht nur im Frühling.

(Fotos: Sabine Große-Aust)




18.04.13 Ein Schiff wird kommen

Noch etwas gibt es über MARIA HF31, dem Modell des Finkenwärder Fischerei-Ewers zu berichten. Gestern wurde das kleine Modell eines großen Fischereifahrzeugs in einer ebenfalls kleinen Runde dem Flensburger Schifffahrtsmuseum als Leihgabe für ein Jahr übergeben. Dr. Thomas Overdiek dankte im Namen des Museums dem großzügigen Leihgeber in einer ebenfalls  kleinen Ansprache. Darin erklärte er launig, dass MARIA HF31 nunmal historisch nicht der Ostsee zugehörig war und deswegen keine Beziehung zu Flensburg nachzuweisen sei. Deswegen gehöre es eigentlich nicht in die Austellung des Flensburger Schifffahrtsmuseums. Andererseits sei das Modell nun einmal unzweifelhaft in Flensburg gebaut worden, weswegen es nun eben doch nach Flensburg gehöre. Kurz und gut: Es wird in den nächsten Tagen seinen Platz in der verglasten Ausstellungsvitrine im ersten Obergeschoss einnehmen.
Damit ist das Schiffahrtsmuseum um eine Attraktion reicher. Zur Art der Präsentation sind noch Fragen zu klären. Die haben damit zu tun, dass neben der originalgetreuen Darstellung des Modells von außen, auch die ebenfalls originalgetreue Nachbildung der Inneneinrichtung sichtbar gemacht werden soll. (Wir haben über diese Details des Modells mehrfach berichtet.) Das könnte einerseits ganz konventionell dadurch erreicht werden, dass Teile der Decksbeplankung offen gelegt werden, wodurch jedoch die äußere Erscheinung beeinträchtigt würde. Um diesen Konflikt aufzulösen, könnten moderne Techniken der elektronisch gestützten Präsentation ergänzend eingesetzt werden. Da kommt also noch was. Wenn es so weit ist, werden wir berichten.
Das kleine Video zeigt Szenen der Übergabe. In den rund 1800 Stunden Arbeitszeit ist sicherlich auch eine große Menge Herzblut in das Kunstwerk geflossen. Das kann natürlich kein Video wiedergeben. Aber dem, der genau hinsieht wird einleuchten, dass zum Beispiel die winzigen Bestecke und Gerätschaften in der Kombüse nicht ohne eine innige Vor-Freude auf die Begeisterung der künftigen Betrachter an den Details  entstehen können. 



 


Hier können alle bisherigen Artikel über die MARIA HF31 aufgerufen werden. Ein Blick auf die Seite "Ewer, Lastesel der Küste" könnte ebenfalls interessieren.

18.04.13 Heil'ge Ordnung, segensreiche

dichtete F. Schiller in "Das Lied von der Glocke" und fuhr fort: "die das Freie und das Gleiche, frei und gleich und freudig bindet..." und schuf damit einen zeitlos gültigen Sinnspruch für die Grundlagen einer jeden Gemeinschaft.

Unter der Überschrift "Stadt macht Klarschiff für Klarschiff" (sollte wohl heissen Klar Schiff für Klarschiff) berichtet das Flensburger Tageblatt über eine absehbare Entwicklung. Die auf der Ostseite des Hafens liegenden Traditionsschiffe JONATHAN, KIMIK und LIBELLE sollen ihren Liegplatz räumen und auf Anweisung der Stadtverwaltung einen Liegeplatz im Historischen Hafen einnehmen. Dieser Historischer Hafen Flensburg ist eine gemeinnützige GmbH, in der unter anderen die ebenfalls gemeinnützigen Vereine "Freunde Klassischer Yachten Flensburg", "Salondampfer ALEXANDRA" und "Museumshafen Flensburg" Gesellschafter sind. Sie wurde mit massiver finanzieller Unterstützung der Stadt, des Landes und der EU gegründet und soll der Pflege des maritimen Erbes und, nicht ausdrücklich erwähnt, aber ausdrücklich gefördert, der Vermarktung desselben dienen. Diese stützt sich auf Veranstaltungen wie der Rum-Regatta und auf die Präsentation der Schiffe.
Schiffe lagen von alters her nach praktischen Gesichtspunkten geordnet und mehr oder minder getrennt an verschiedenen Stellen im Hafen. Diese sind nicht unbedingt dieselben wie heute. So lagen zum Beispiel viele Flensburger Jachten ehedem am Harniskai, wo jetzt die Frachtschiffe festmachen.
Eine Ordnung der Liegeplätze traditioneller Schiffe hat sich auch der Historische Hafen Flensburg vorgenommen. Dem entsprechend gibt es "Sammlungen" von Klassischen (Segel-) Yachten, Motorfahrzeugen, ehemaligen segelnden Berufsfahrzeugen, und Jollen, das sind in diesem Fall offene Fischerboote. Sie liegen in jeweils eigenen Abschnitten des westlichen Hafenufers. Dazwischen ist der "Gastseglerkai", dessen Funktion auch als "Kai für andere Schiffe" bezeichnet wird. Denn selbstverständlich müssen neben auswärtigen Segelschiffen auch auch Marineschiffe auf Besuch und die Ausflugsschiffe irgendwo festmachen. Dort liegt auch SUNTHORICE. Sie ist ein ehemaliges segelndes Berufsfahrzeug, müsste also einen Platz im Museumshafen haben. Dort kann ein so großes und schweres Schiff jedoch nicht festmachen. Also liegt sie in der Nähe der "Dampfersammlung". Sie ist also die Ausnahme von der Regel (sofern sie nicht "Gastsegler" oder ein "anderes Schiff" ist. Aber wer will das schon so genau wissen?)

Neben den "Gleichen", um auf Schiller zurück zu kommen, gibt es noch vier mehr oder wenig "Freie" im Hafen, bei denen die "Freudige Bindung" nicht wirklich angestrebt wird. Darüber schreibt das Flensburger Tageblatt in seiner Ausgabe von gestern und Holger Ohlsen liefert dazu gleich auch noch eine seiner bissigen Glossen unter dem Titel "Maritimes Legoland". In diesen Artikeln fehlt ein weiteres Schiff, das ebenfalls auf der Ostseite des Hafens liegt und ebenfalls ein ehemaliges segelndes Berufsfahrzeug ist, nämlich CAROL. Sie hat ihren Platz weiter nördlich als die beiden anderen, was den Verdacht bestärkt, dass nicht alle einschlägigen Schiffe in den Historischen Hafen verholen sollen, sondern nur jene, die jetzt den Blick auf die neueste architektonische Errungenschaft in Flensburg stören, einen Neubau mit dem Namen "Klarschiff". Diese Art der Ästhetik gefällt den Stadtverwaltern so sehr, dass sie dieses Ambiente nicht durch alte Schiffe kontaminieren will. Oder ist es vorauseilende Empathie mit den erhofften Mietern oder Käufern von Teilen der Immobilie, denen man den Blick auf "alte Kähne" ersparen möchte? Einerseits ist die positive Wirkung eines  maritimen Ambientes als Verkaufsargument unbestritten, obwohl es andererseits oft niemand unmittelbar vor seiner Haustüre haben möchte. Wobei, das kann man oft beobachten, die Regel gilt: Je wohlhabend desto oft. Jedenfalls will man es wohl bei Kaufinteressenten nicht auf eine Probe ankommen lassen. Nun sollen die Schiffe weg, deren Eigner über ein Jahr lang den Lärm und Schmutz der prominenten Baustelle ertragen durften.

So weit, so schlecht.
Die Auswirkungen dieses Begehrens haben schon gewirkt. Eines der Schiffe ist schon weg. JONATHAN, ein kleiner Schlepper, der schon vor langer Zeit vorübergehend dem Museumshafen gehörte, hat seinen Platz in der sogenannten "Dampfersammlung" des Historischen Hafens eingenommen.
Bleiben nur noch zwei, die in der Zeitung genannt werden. Das eine ist LIBELLE. Das Schiff gehört zur Flensburger  Stadtgeschichte und ist mittlerweile neben ALEXANDRA so etwas wie Teil des historischen Gen-Code der Gemeinde. LIBELLE also soll ihren Liegeplatz verlassen und auf die andere Hafenseite wechseln, ihr Eigner will aber nicht. Anders KIMIK, ebenfalls ein historisches Schiff. Dessen Eigner wollte zunächst garnicht dort liegen. Es musste aber seinen Platz im Museumshafen räumen, als der Historische Hafen gegründet wurde. Das Argument war, für diese Art Schiff sei dort die sog. Dampfersammlung eingerichtet. Nur wollte es dort niemand aufnehmen. So landete KIMIK auf der anderen Hafenseite. Nun soll sie auch dort weg.

Genau gesehen kann der Historische Hafen doch nur ein Angebot an die Stadt und die Schiffseigner sein. Dann können sich Vereine und Schiffseigner als Gleiche und Freie freudig binden. Anderenfalls muss alles so bleiben wie es ist.
Druck und Zwang kann nur dazu führen, dass historisch bedeutsame Schiffe und deren Eigner irgendwann nicht mehr den Hafen und damit die Stadt bereichern - auch solche, die schon lange in Flensburg zu Hause sind. Das kann doch niemand ernsthaft wollen.

14.04.13 Aus- statt entrüsten

LINA und das neue Großsegel
Nun sind es nur noch vier Wochen bis die Rum-Regatta wieder einmal rum ist. Aber noch werden die Schiffe für die "unernste Geschwaderfahrt" ausgerüstet. Geht es doch darum, die Ziellinie als Zweiter zu queren. Da kommt es auf optimale Geschwindigkeit an. Nur dann kann man das Feld hinter sich lassen, um dann einem Mitsegler der selben Gruppe im letzten Augenblick den Vortritt zu gewähren. Das ist natürlich nicht ganz uneigennützig. Der nun Erste wird später dem Gespött der "Preisverschleuderung" ausgesetzt während man selber eine große Flasche Regatta-Rum entgegen nehmen darf. So sind die Regeln, seit es die Rum-Regatta gibt.  Sich darüber zu entrüsten bringt nichts: Wer protestiert muss seine Flasche Begrüßungsrum abgeben. Dank dieser Regel sind Proteste eine seltene Ausnahme.
Wie bei jeder Regatta kommt es auch bei der Rum-Regatta direkt nach dem Können auf die richtige Ausrüstung an. 

Heute bekam LINA ein neues Großsegel. Ein neues Segel anschlagen: das sorgt immer für eine besondere Spannung. Ist das Oberliek richtig steif durchgesetzt? Lässt der Ausholer für das Unterliek dem Segel genügend Luft für das wirkungsvollste Profil? Steht das Segel faltenfrei? Und schließlich: Beherrscht der Segelmacher sein Handwerk so gut, wie erhofft?  Oder muß der Skipper sich an das neue Segel anpassen? Spannung ohne Ende. Nach der Rum-Regatta weiss man mehr.
P.S.: Man kann bei der Rum-Regatta auch ganz ohne Ambitionen mitsegeln. Das kann sehr vergnüglich sein und ist ganz im Sinne der unernsten Geschwaderfahrt. Ein Versuch wird empfohlen.

13.04.13 Frühlingserwachen

Knut und RAGNA beim Frühjahrsputz
Nun gibt es kein Halten mehr. Nach dem meteorologischen (1. März) und dem astronomischen Frühlingsanfang (20. März) gibt es nun heute den gefühlten Frühlingsanfang. Auf allen Schiffen im Museumshafen und auf der Museumswerft geht es mit Wasserpützen, Schrubbern oder, wie hier an RAGNA, dem Nachbau eines historischen Wikingerbootes, mit der Drahtbürste zur Sache. Die Sache: das ist Schmutz Spak und Verwitterung in jeder Form. Nein, so ist zu erfahren, nein, das bürsten schadet dem Eichenholz nicht. Denn es ist eine Messingbürste. Das Schiff hat den Winter gut überstanden, so der Bootspfleger. Nur eine Planke hat ein paar Windrisse bekommen. Die sollen historisch korrekt mit Bienenwachs verschlossen werden. Damit habe man gute Erfahrungen gemacht. RAGNA werden eben auch Sinne der experimentellen Archäologie eingesetzt. Eigentlich hätte RAGNA historisch korrekt über den Winter versenkt werden sollen. Dann wären die Planken heil geblieben. Aber davon habe man wegen der Teredo-Muscheln Abstand genommen.
Den nächsten größeren Einsatz wird RAGNA auf der Rum-Regatta haben. Danach soll es nach Frankreich gehen. Zu einem Projekt, das der Erinnerung der frühen Auseinandersetzungen zwischen Klöstern auf dem Festland und den Wikingern gewidmet ist. Bekanntlich haben die Nordmänner vor der ersten Jahrtausendwende immer wieder die Küsten Europas raubend und brandschatzend überfallen. Schiffe der in der Größe von RAGNA waren daran vermutlich nicht maßgeblich beteiligt. Dafür ist das Schiff zu klein. RAGNA, so nimmt der Pfleger an, war vielleicht ein Fischerboot. Aber sicher ist das nicht, denn für diesen Zweck sei es eigentlich zu rank.

Frühere Berichte über RAGNA können HIER aufgerufen werden