08.12.13 Kontrastprogramm

Während der Saison steht der traditionelle Umgang mit den Schiffen im Vordergrund. Jetzt liegen die alten Logger, Jadgten und Jachten  im Hafen und warten auf das Frühjahr. Denn die Traditionsschiffe bleiben im Wasser, teils unter einer Plane teils unter freiem Himmel. Arbeiten am Schiff müssen bis zum Frühjahr warten. Das Wetter lädt auch nicht gerade zu Segelreisen ein. Was machen Traditionsschiffer eigentlich an diesen  Wintertagen, wenn mal kein Orkan über den Hafen hinweg rast und deshalb Leinen gefiert oder Planen befestigt werden müssen?

Jetzt ist Zeit für ein Kontrastprogramm. Ohne  Veranstaltungen, Schiffswartung und Gästefahrten bleibt Zeit genug, um sich einfach mal so zu treffen, ohne größere Absicht als zusammen zu sein und sich ganz traditionell mit einfachsten Mitteln zu vergnügen.

Gestern kamen ein paar in den Herrenstall, um miteinander bei Gesellschaftsspielen zu reden und zu lachen. Jeder brachte mit, was Keller und Küche entbehren konnten. Viel war es nicht, aber viel brauchte es auch nicht. Es brauchte auch keine Planung, keine Organisation und kein Programm. Außer dazu kommen und sich wohlfühlen. Und siehe da: es hat geklappt und tat auch garnicht weh. Als die letzten nach Mitternacht auseinander gingen stand fest: Das machen wir nochmal.

06.12.13 Hafen ohne Wasser

Das Tief mit dem alten katholischen Namen "Xaver" hat über Nacht etwas von seiner Kraft eingebüßt. An der Westküste soll es zwar mit orkanartigem Sturm und Orkanböen für Hochwasser sorgen. Hier in Flensburg würde ihm das aber keiner mehr zutrauen. Vielleicht liegt es auch am Datum, schließlich ist heute der Nikolaustag. St. Nikolaus ist ja bekanntlich ein Schutzheiliger der Seeleute. Sie rufen ihn an, wenn der Sturm übermächtig ist. Irgend jemand von der Förde muß ihn angerufen haben, denn zur Zeit bläst es nur noch stark bis stürmisch aus Nordwest. Aber das Wasser im Hafen kann immer noch nicht wieder ansteigen. Im Gegenteil: Gegenüber Mitternacht ist der Wasserstand nochmals gefallen. Aber alle Schiffe schwimmen noch, wenn auch auf niedrigem Niveau. Nur ARVED, die Arendalsjekte des Museumshafens, liegt trocken. Das hat zumindest den Vorteil, das sie nicht mehr an den Leinen reißt und sich dadurch beschädigt - schließlich soll man doch immer das Positive erkennen und würdigen. So sieht es also heute morgen um acht Uhr am Museumshafen aus:


RYVAR auf Tauchstation
AURORA, tief gesunken














LILLE BJÖRN, ziemlich herunter gekommen
ARVED, gestrandet



05.12.13 Tief "Xaver" macht ernst

Die Boote am Lüttfischersteg wurden vorsorglich aus dem
Wasser genommen. Nur die vereinseigene Arendalsjekte des
Museumshafens hat niemanden gefunden, der sich um sie
kümmert.
Der Rügenwalder Kutter AURORA könnte jetzt nicht mehr betreten
werden. Seine Heckleine an Backbord ist provisorisch an einem
Stützpfeiler des Bohlwerks befestigt. Der reguläre Dalben fiel der
Bohrmuschel und dem Orkan "Christian"  zum Opfer. Das war vor
fünf Wochen. Jetzt würde er dringend gebraucht.
Seit gestern warnen die Nachrichten vor dem nahenden Sturmtief Xaver. Es kommt von Island und hat auf seinem Weg nach Südschweden um diese Zeit (17 Uhr) Nordfriesland erreicht. Seine Vorboten waren starke Böen aus Südwest mit Ausschießern von Ost bis Nordwest. Bei diesen Windrichtungen ist der Flensburger Hafen, besonders der Museumshafen sehr gut geschützt und hat auch noch Sicherheitsreserven für starke Böen. Voraussetzung ist aber, dass die Festmacherleinen genügend nachgeben können. Denn starker Westwind lässt den Wasserstand schnell sinken.






15.00 Uhr. Schon vor zwei Stunden war der Pegel mehr als einen Meter niedriger als normal. Dabei wird es nicht bleiben. Denn  die Orkanfront ist hier noch gar nicht richtig angekommen. Im Gegenteil. Zeitweilig bleibt der Wind vollständig weg und das Wasser im Hafen ist so glatt wie an einem Hochsommertag. Plötzlich stiebt die Gischt auf einer kreisrunden Fläche, als wolle ein Hubschrauber landen. Solche Böen haben es in sich. Treffen sie auf die Schiffe, legen sie sich schwer über. Wer an Land erfasst wird, hat besser einen festen Halt, wenn er heil nach Hause kommen will.

16.00 Uhr. Wer jetzt über das Bohlwerk geht, tut das nicht zum Vergnügen, sondern um nach seinem Schiff zu sehen. Sind die Leinen lang genug? Ist die Plane gut befestigt? Wenn nicht, ist im Augenblick nicht viel zu machen. Es sei denn, jemand hat eine Leiter und kann so an Bord kommen. Wer ist gewandt und kräftig genug, um jetzt noch auf die Schiffe zu kommen? Hängt ein Schiff erst in den Leinen, bleibt sonst manchmal als Letztes nur noch übrig, die Leinen abzuschneiden. Der sichere Halt wäre ja ohnehin zum Teufel, wenn der Poller aus dem Deck reisst.

16.30 Uhr. Mittlerweile berichtet der NDR, dass am Leuchtturm Kiel Böen um 11 Beaufort gemessen werden. Für den Abend haben Wetterexperten des DWD 160 Stundenkilometer vorhergesagt. Dann könnte auch der Flensburger Hafen seine Sicherheitsreserven aufgezehrt haben.

18.00 Uhr. Die Böen werden heftiger, begleitet von schweren Regenschauern. Wenn sie einfallen, ächzt der Dachstuhl des alten Kaufmannshofes aus dem 18ten Jahrhundert gegenüber vom Museumshafen wie unter einer schweren Last.

19.00 Uhr. In die Regenböen mischt sich jetzt Graupel und erste Schneeflocken. Der Wasserstand ist weiter gesunken. Die Achterleinen der ersten Schiffe sind steif, das heisst: die Schiffe hängen in den Leinen. Der Hafenkapitän rechnet damit, dass der Wasserstand um 2,50 Meter sinken wird. Die Graupelböen auf dem Dach des Kaufmannshofs hören sich an, als würde eine Ladung Kies herunterprasseln. Auf FULVIA hat sich eine Sturmwache eingefunden.

21.30 Uhr. Der Wasserstand ist jetzt noch tiefer. Die vorhergesagten 2,5 Meter sind sicherlich erreicht. Der Wind hat nachgelassen, auch die Böen sind weniger und schwächer geworden. Die Temperatur ist beim Gefrierpunkt angekommen und der (wenige) Schnee ist auf dem Bohlwerk liegen geblieben. Jemand hat auf zwei Schiffen die Leinen gelockert. Danke an den unbekannten Helfer! Den Wetterberichten zufolge ist das Schlimmste aber noch nicht vorbei. Der Sturm holt wohl bloß einmal tief Luft. Der NDR berichtet jedoch auf seiner Internetseite: "Die Befürchtungen, Orkantief "Xaver" könnte noch heftiger in Schleswig-Holstein wüten als "Christian" vor knapp sechs Wochen, haben sich bisher nicht bestätigt."

OLINE ist jetzt aus einem ungewohnten Blickwinkel zu sehen
23.30 Uhr. Die Böen haben nachgelassen, der mittlere Wind wird etwa fünf bis sechs Beaufort betragen. Aber das ist nur am Bohlwerk so. Von der anderen Hafenseite hört man den Wind in den Riggs der dort liegenden Yachten pfeifen. Der Museumshafen ist bei der aktuellen Windrichtung Nordwest gut geschützt. Der Wasserstand ist weiter gesunken und hat den niedrigsten Stand seit Jahren erreicht. Das schützt die Schiffe zusätzlich vor dem Wind. Aber jetzt sollte damit auch mal Schluss sein, sonst sitzen die ersten Schiffe bald auf Grund. Der Tiefgang liegt je nach Schiff bei um zwei Meter und der normale Wasserstand liegt bei viereinhalb. Da wird jetzt nicht mehr als die gern zitierte "Handbreit Wasser umterm Kiel" sein. Und das mit einem Kiel aus Holz über einer Schüttung aus groben, kantigen Steinen!

03.12.13 Reise in die Vergangenheit

Die eindrucksvolle Kapelle des alten Franziskanerklosters zum Heiligen Geist war  bis zum letzten Platz gefüllt, als sich ein Fenster in die Vergangenheit öffnete und den Blick auf die Zeit vor 232 Jahren frei gab. Damals wollte der Reeder Laurentius Johannes Cramer aus Kopenhagen in den Handel mit Dänisch-Westindien investieren. Dafür brauchte er - natürlich - ein Schiff, aus bester Fertigung zu günstigen Preisen und zwar bald. Denn der Handel mit den Inseln Saint Thomas, Saint John und Saint Croix boomte.
Historische Dokumente an historischem Ort vorgetragen:
Kapelle des ehem. Franziskanerklosters zum Heiligen Geist
Zeichnung: W. Kühn
Die Nachfrage nach dem Haupterzeugnis, nämlich Zucker, beschleunigte den Anbau von Zuckerrohr. Baumaterial, Gerätschaften, Nahrungsmittel für Arbeiter und Sklaven - alles wurde gebraucht. Dabei wurden die Inseln zum überwiegenden Teil durch Importe aus Dänemark versorgt - Sklaven kamen aus Afrika. Wesentliche Nahrungsmittel wurden inFlensburg haltbar gemacht und von dort importiert. Führend auf diesem Gebiet war die Firma von Christian Dethleffsen in Flensburg. Sie existiert heute noch unter dem Namen HGDF und ist seit ihrer Gründung im Jahr 1738 in der Hand der selben Familie. Der Klarheit zuliebe muss gesagt werden, dass sie nie im Sklavenhandel verstrickt war.
Um auf den Reeder Cramer zurückzukommen: Die Nachfrage nach Frachtschiffen führte zu steigenden Preisen für Schiffe und zu langen Lieferzeiten. Da passte es gut, dass die renommierte Werft des Schiffbauers J. Call in Flensburg eine Brigg geeigneter Größe auf Kiel gelegt hatte, für die er einen Käufer suchte. Sie sollte 106 Kommerzlasten tragen können. Gebaut werden sollte sie von dem Schiffbauer Knaggendreyer.

Um ein solches Projekt erfolgreich abzuwickeln, wurde ein zuverlässiger Mann vor Ort in Flensburg gesucht und in Christian Dethleffsen gefunden. Er sollte die Interessen des Auftraggebers vor Ort vertreten und für den zügigen und kostengünstige Bau des Schiffes sorgen. Das führte zu einer engen Korrespondenz zwischen dem Kaufmann und dem Reeder. Sie ist glücklicherweise bis heute erhalten, als Teil der Chronik der Familie Dethleffsen aus Flensburg.
In der Veranstaltung las Herr Hans A. Dethleffsen große Passagen daraus vor. Interessant war nicht nur die antiquierte Sprache (deutsch mit lateinischen und französichen Einsprengseln) der damaligen Zeit. Viel interessanter noch waren die vielen Winkelzüge und taktischen Manöver des Werftbesitzers, des Schiffbauers, aber auch des Auftraggebers. Da waren auf einmal nicht genügend Ziummerleute frei verfügbar um das Schiff fertigzustellen. Eine  Katastrophe! Und das Schiff hätte zu einem höheren Preis an einen anderen Interessenten verkauft werden können! Aber es gab Gegenmittel um solche Drangsal abzuwehren, nämlich das "Douceur", was man mit "Annehmlichkeit" genau so übersetzen kann wie mit "Trinkgeld" oder ganz grob gesagt Schmiergeld. Und siehe da: Plötzlich hatte die Schar der Zimmerleute um ein Viertel zugenommen. Das selbe wiederholte sich beim Holz aus der Umgebung von Flensburg und den Eisenteilen aus Schweden. Gar so furchtbar viel anders als heute waren die Geschäftspraktiken damals wohl nicht. Auch heute noch sind kleine Annehmlichkeiten der Schmierfilm im Wirtschaftsgetriebe.
Schließlich wird das Schiff doch fertig. 13000 Reichstaler hat es gekostet. Zur selben Zeit kostete ein großes Geschäftshaus in Flensburg samt Lagerhäusern und Nebengebäuden 16000 Reichstaler. Man sieht auch hier: Die Verhältnisse sind immer noch sehr ähnlich.
Wo man gerade beim Thema Geld ist: Ein Obersteuermann auf Westindienfahrt bekommt 16 Reichstaler im Monat, der Untersteuermann elf, und der Bootsmann  zehn.
Dann gibt es Streit wegen der Beiboote. Angeblich sind keine Boote aufzutreiben, in den die vertraglich vereinbarten drei Fässer transportiert werden können, sondern nur kleinere. Das hätte aber die Liegezeiten in den Kolonien verlängert und damit die Kosten in die Höhe getrieben. Vermutlich haben auch hier Annehmlichkeiten das Leben angenehmer gemacht.
Schließlich wird das Schiff fertig, mit Segeln und Leinen aus Flensburg und Umgebung. Es bekommt den Namen URANUS. Sechs Kanonen wurden zusätzlich an Bord genommen, als Schutz vor Piraten, die damals die Karibik unsicher machten. Es sticht am 28. Juli 1780 mit 2000 Fässern Ladung See. Die Reise geht über Kopenhagen. Aller Handel mit den Kolonien musste über die Hauptstadt abgewickelt werden, schließlich waren dafür auch Zölle und Gebühren fällig. Es ging weiter durch das Kattegatt, das Skagerak, die Nordsee, den Englischen Kanal nach Madeira. Hier wurde der Proviant ergänzt für die lange Passage nach St. Thomas. Insgesamt dauerte die Reise vier Monate.
Die Erzählungen rund um die Briefe gehen jedoch noch viel weiter.
Die Kapelle des ehemaligen Klosters zum Heiligen Geist passte als Vortragsort sehr gut zum Thema. Es ist schon seit dem 13. Jahrhundert nachgewiesen. Die mit der Seefahrt beschäftigten Menschen waren sehr gläubig. Meist aus Überzeugung, auch konnte man nie wissen, ob Himmlischer Beistand von Nöten sein könnte. Denn viele Schiffe kamen von der langen Reise nicht zurück.

Bei diesem Beitrag ist es nicht ganz einfach dem Rat zu folgen, dass man alles schreiben kann, es sei denn, es wäre länger als eine Seite. Also soll es so sein und wir kommen zum Ende. Die Diskussion am Schluss des wirklich informativen und kurzweiligen Vortrags führte zu interessanten Fragen, und jede Antwort provozierte neue Fragen. Manche blieben ohne Antwort. Eine kann hier nachgereicht werden: Eine Kommerzlast - das ist ein zu dieser Zeit übliches Maß für Transportgüter - entsprach in Deutschland zweitausend Kilogramm, in Bremen dreitausend. Zumindest, wenn man WIKIPEDIA glaubt.
Wissenswert ist auch, dass auf der Museumswerft derzeit das Modell einer Schnaubrigg, FORENING, aus derselben Zeit im Maßstab 1:3,5 gebaut wird. Sie ist in ihrer äußeren Erscheinung der URANUS sehr ähnlich. Wobei es interessant ist, dass die Schiffe aus Dänemark für den Handel mit Westindien zumeist auf ein und denselben Bauplan zurückgehen. Serienbau also auch damals schon. Hier ein paar aktuelle Bilder über das Modell der FORENING. Wie man sieht, werden die Bauteile immer kleiner. Schneller geht der Bau dadurch jedoch nicht voran.
Auf dem Vorschiff sthet bereits der Glockenstuhl und
das große "Brat"-Spill für das Ankertau
Jetzt wir das Galion angepasst, ein häufiger Schmuck
für den Bug der Schiffe in jener Zeit - und häufig auch
Toilette für die Seeleute.


01.12.13 Klassiker, neu herausgegeben

Wer jetzt noch kein passendes Weihnachtsgeschenk für maritim Interssierte Freunde oder -innen hat 
kann hier vielleicht fündig werden. 

Am 10. Dezember um 19.30 Uhr wird im Schifffahrtsmueseum Flensburg ein Klassiker der Segelbücher 
vorgestellt: Segeln mit kleinen Schiffen

Dieses Werk des britischen Segelpioniers Edward Frederick KNIGHT (1852 bis 1925) wurde über mehrere
Jahrzehnte in England immer wieder unverändert neu aufgelegt. Die Gründe dürften darin liegen, dass es
KNIGHT ausgesprochen gut versteht, Zusammenhänge übersichtlich und gut verständlich darzustellen. 
Er spricht den Leser sehr persönlich an, schildert auf lebendige Art viele Erlebnisse und Erfahrungen aus 
seinem reichen Seglerleben.
So entstand ein Werk, das, obwohl als Sachbuch gedacht, recht unterhaltend und oft sogar sehr 
spannend zu lesen ist. Der Autor vermittelt nicht nur dem Einsteiger die notwendigen Grundkenntnisse
über das Segeln mit kleinen Booten, auch für den erfahrenen Segler gibt es wertvolle Tipps und 
Hinweise in Seemannschaft und Taktik, an die man sich gern erinnert.

Vieles ist nach wie vor aktuell, auch wenn sich Ausrüstung und Material verändert haben. Eine Fundgrube
für die Freunde der klassischen Segelfahrzeuge. Zu den originalen Zeichnungen geben die Bilder und 
Illustrationen von Rainer Ullrich diesem Buch einen frischen Hauch von Aktualität.
Kurz gesagt, wer es in der Hand hat, wird es behalten, wer eine Freude machen will, der wird es auch 
gerne verschenken.
Rainer Ullrich wird das Buch persönlich vorstellen.