23.10.17 Unterkühlte Opfer bergen

Das Opfer kann Wärmeverlust durch diese
Position verringern
(HELP = heat escape lessening)
Illustration: Soundings
In dem Beitrag vom 20.10.17 schildert der amerikanische Rettungsschwimmer Mario Vittone was mit einem Menschen geschieht, der in kaltes Wasser fällt. Dabei wurde nur am Rande gestreift, worauf es bei der Rettung ankommt. Zwar haben wir alle gelernt, dass der erste Schritt ist, die Mann-über-Bord-Position zu markieren und/oder das Opfer in Sicht zu halten und dann die Seenotrettung zu alarmieren. Aber im Ernstfall, unter Stress, werden oft die einfachsten Regeln vergessen. Das ist ein weites Feld und viele Bücher und Kursinhalte werden dazu angeboten. Aber was nun, wenn alles richtig gemacht wurde und das Opfer neben dem Boot im Wasser treibt? Hier die Übersetzung des Artikels (auszugsweise) im amerikanischen Magazin Soundings, der an dieser Stelle einsetzt:
"Verbringt ein Mensch eine längere Zeit in kaltem Wasser, ändert er sich physiologisch. Sein Körper enthält sowohl warmes als auch kaltes Blut, seine Fähigkeit den Herzschlag zu beschleunigen, wenn nötig, hat nachgelassen. Sein Kreislauf- und Nervensystem sind vorübergehend verändert, so dass sie zu einer signifikanten Herzstörung führen können. Hier einige beste Rettungsmethoden wenn jemand einige Zeit kaltem Wasser ausgesetzt war.
Bergen Sie ihn so horizontal wie möglich. Wenn Sie vermeiden können, ihn senkrecht aus dem Wasser zu ziehen, tun sie es. Wenn das nicht möglich ist, legen sie ihn sofort hin, sobald er an Bord ist. Der Wasserdruck hat es erleichtert, den Blutdruck aufrecht zu erhalten. Sobald er aus dem Wasser ist, muss das Herz kräftiger arbeiten - und kalte Herzen können das nicht so gut.
Lassen sie die Person nicht bei der Bergung mitarbeiten.. Fordern sie sie nicht auf, sich hochzuziehen oder sonstwie anzustrengen. Bedenken den instabilen Zustand ihres Kreislaufsystems und dass für das Opfer klettern nach einem Aufenthalt in eiskaltem Wasser das Letzte sein kann, was es in seinem Leben versucht.
Nochmals: Nichts ist wichtiger, als die Person aus dem Wasser zu bekommen. Wenn sie auf See sind, und der einzige Weg dazu darin besteht, sie über die Reling zu ziehen wie einen großen Fisch, dann machen sie es. Aber machen sie es vorsichtig und seien sie behutsam sobald sie an Bord ist. Und stampfen die auf der Fahrt zum Hafen auch nicht mit hoher Fahrt durch die Wellen.  
Sehen sie zu, die Person zu trocknen Dass Sie die gerettete Person aus dem Wasser geholt haben bedeutet nicht, dass sie nicht weiter auskühlt. Nasse Kleidungsstücke lassen die Person weiterhin auskühlen und verhindert ihre Rettung. Sie trocken zu bekommen klingt einfach, aber auch hier kann man es richtig oder falsch machen. Schicklichkeit und Schamhaftigkeit müssen zurückstehen. Sobald sie die Person in der Kabine haben, kommt jeder Fetzen nasser Kleidung runter. Es ist besser, der Person die Kleidung vom Körper zu schneiden (vorsichtig, Verbandscheren sind am besten geeignet) als ihnen die Glieder zu verrenken, wie es notwendig ist, wenn man die Kleider wie üblich auszieht. Sie müssen erreichen, dass sie flach liegen bleibt und sich so wenig wie möglich bewegt.Benutzen sie Handtücher, um das Wasser von der Haut und Haaren zu tupfen. NIEMALS dürfen sie die Person trocken rubbeln. Der Versuch eine Person durch energisches Rubbel zu wärmen, führt zum Gegenteil. Es macht sie kälter. Die Haut eines Opfers von kaltem Wasser enthält das kälteste Blut in seinem Körper. Durch Rubbeln bringt man es zur Wirkung, bevor der Körper dazu bereit ist. Dicke entspricht Wärme. Das Opfer in viele Lagen (und noch mehr davon) locker anliegender Decken hüllen und an einem warmen und trockenen Platz zu halten ist das wichtigste Ziel, nachdem es aus dem Wasser geholt wurde. Alles was sie bis dahin unternommen haben hatte damit zu tun, weiteren Wärmeverlust zu vermeiden. Wenn sie trocken und zugedeckt aus den Elementen ist, vermeidet das zusätzlichen Wärmeverlust.
Lassen sie das Opfer flach liegen Nachdem es trocken und ausserhalb der Elemente ist, kann seine Wiederherstellung beginnen. Es ist gut, wenn das Opfer vor Kälte kräftig zittert. Doch für jemanden, der zuvor nie gesehen hat ist der Anblick etwas bestürzend. Es sieht schrecklich aus und ist tatsächlich noch schlimmer, doch es ist nur der Körper, der versucht seine Temperatur zu regulieren. Ich kann aus Erfahrung berichten, dass die ersten 10 Minuten außerhalb des Wassers viel schmerzhafter sind als irgendwelche zehn Minuten darin. Aber wenn sie flach liegen, trocken sind und zittern, sieht die Sache gut aus. Was wir als nächstes tun sollten ist, das Opfer zittern zu lassen. 
Versorgt das Opfer mit Kalorien Wenn ihr gerettetes Opfer lang genug im Wasser war um heftig zu zittern, dann hat es außerordentlich viele Kalorien verbrannt. Je nach dem, wann es zuletzt gegessen hat, ist seine Batterie leer und es braucht eine Aufladung. Was glauben sie ist besser für ihr zitterndes und frierendes Besatzungsmitglied: eine warme Tasse Wasser oder eine eiskalte Limonade? Wählen Sie die Limonade. Ein warmer süßer Kakao ist besser, doch der  Punkt ist, Kalorien sind wichtiger sind als die Temperatur des Getränks. Das Opfer braucht die Kalorien fürs Zittern, bis es vollständig wiederhergestellt ist.
Beobachtet das Opfer Menschen die sich von einer Unterkühlung in kaltem Wasser erholen, sehen miserabel aus. Ihre Haut kann so rot sein wie bei einem Sonnenbrand. Manchmal schütteln sie heftig. Manche klingen, als ob sie Schmerzen litten - und sie haben Schmerzen.  Aber wenn sie alles getan haben, was  zuvor erörtert wurde und die Person dazu rot ist und zittert und klagt wie schlecht es ihr geht, ist sie vermutlich ganz in Ordnung. Bis dahin werden sie bereits die Seenotretter gerufen haben und langsam in Richtung Medizinischer Versorgung voran gekommen sein, wenn nötig.Es gibt tonnenweise Bedingungen für die Behandlung für Opfer die in kaltes Wasser eingetaucht sind. Wer bis hierher gelesen hat wird voraussichtlich noch weitere Fragen haben. Sie konnten nicht alles, was sie wissen müssen, in einem Blog Beitrag lernen. Wenn sie alles über Behandlung einer unterkühlten Person wissen wollen was sie können, nehmen sie sich eine Stunde Zeit und sehen sich  Beyond (Cold Water) Boot Camp (siehe unten) an. Nun machen sie schon, sehen sie es sich an. Mein Freund und ich haben uns dafür dumm und dämlich gefroren."

20.10.17 Kaltwasserschock

Mittlerweile wird das Wetter herbstlich. Es sind nur noch zehn Stunden zwischen Sonnnenauf- und Untergang. Und heute war die Sonne ständig hinter dicken Regenwolken verborgen. 
Kein Wunder, dass die Wassertemperatur im Hafen und in der Förde nur noch 14 Grad erreicht. Wer jetzt abgehärtet ist, kann sich auf eine Saison mit Winterschwimmen vorbereiten. Dieser Sport soll gesund sein liest man schaudernd und es werden sogar Meisterschaften in dieser Disziplin ausgetragen.
Allerdings dauert sowas meist nur eine Minute oder auch mal zwei. Und der Kopf kommt schon gar nicht unter Wasser. Oder man schwimmt oder badet im Schutz von Neopren-Anzügen.
Ganz anders sind die Verhältnisse, wenn jemand unvorbereitet ins kalte Wasser fällt und dort minutenlang mehr oder minder untergetaucht treibt oder schwimmt. Schon bald droht Unterkühlung und mit ihr Lebensgefahr. 
Wer jetzt noch segelt, ist gut beraten, alles Mögliche zu tun, um an Bord zu bleiben. Mann-über-Bord Manöver machen sich prima im Sommer, bei warmem Wasser, lauem Wind und genügend erfahrenen Helfern an Bord. Bis zum kommenden Sommer (wenn er denn kommt) fehlen diese Voraussetzungen. 

Auf der Suche im Internet nach Verhaltensregeln bei Unterkühlung durch kaltes Wasser fanden wir viele qualifizierte Beiträge. Die meisten befassen sich mit Unfällen an Land, nahezu alle setzen voraus, dass innerhalb Minuten erfahrene Rettungskräfte vor Ort sind. Das hilft uns Seglern im Winter nicht wirklich weiter. 


Schließlich fanden wir den amerikanischen Blog "Soundings". Darin befasst Mario Vittone, ehemaliger Rettungsschwimmer der Coast Guard, in mehreren Beiträgen ausschließlich mit diesem Themenschwerpunkt. Um besser zu verstehen worüber er schreibt, hat er sich unter Beobachtung in Selbstversuchen bis an den Rand der Bewusstlosigkeit gewagt. Wir haben einzelne in Auszügen übersetzt. Er schreibt darin, was er Kursteilnehmern zu dem Thema vortrug. Ein Artikel befasst sich damit, was mit einem Menschen geschieht, der sich plötzlich in kaltem Wasser wiederfindet:
Unterkühlung; Mythen und Wahrheiten über Kaltes Wasser                                                                                                    Das Meiste, was sie über Unterkühlung wissen, trifft nicht zu. Man kann nicht in weniger als zehn Minuten noch nicht einmal schwach unterkühlen (Anm.: Das entspricht einer Bluttemperatur von unter 35°C). Der durchschnittliche Erwachsene kann länger als eine Stund in kaltem Wasser überleben. Und wenn wir schon mal dabei sind: Man verliert nicht 80 Prozent der Körperwärme über den Kopf.  
Um die Gefahren durch Kaltes Wasser zu verstehen, muss man aufhören an Unterkühlung zu denken und beginnen an die vier Gefahren von zufälligem Eintauchen in kaltes Wasser zu denken. Tatsache ist, das klates Wasser tötet, aber Unterkühlung ist nur eine seiner Wirkungen und die ist nicht einmal die häufigste. Wenn Sie in kaltes Wasser eintauchen, geschehen vier Sachen mit Ihrem Körper, die sie verstehen müssen. 
Reaktion auf den Kälteschock Das ist die erste Phase beim Eintauchen in kaltes Wasser. Es ist ein Zustand von erhöhtem Herzschlag und Blutdruck, unkontrolliertem Schnappen nach Luft und manchmal unkontrollierten Bewegungen. Sie dauert zwischen 30 Sekunden bis zu einigen Minuten und kann bereits tödlich sein. Tatsächlich, schätzt man, dass von allen Menschen die in kaltem Wasser sterben, zwanzig Prozent die ersten zwei Minuten nicht überleben. Sie ertrinken, sie geraten in Panik, sie atmen bei ersten unkontrollierten Keuchen Luft ein.. Wenn sie Herzprobleme haben, kann der Schock eine Herzattacke auslösen.Ob sie diese Phase überleben hängt davon ab, ob sie die Atmung unter Kontrolle bekommen, dass sie sich bewusst werden, dass diese Phase vorübergeht und dass sie ruhig bleiben.
Entkräftung durch Kälte Als häufigsten Grund, warum sie keine Rettungsweste tragen, nennen Bootsleute, dass sie ja schwimmen könnten. Hör' zu Tarzan: Ich schwamm berufsmäßig den größten Teil meines Lebens als Erwachsener und wenn das Wasser kalt ist (unter 15°C) kann keiner von uns sehr lange schwimmen.Die zweite Phase, wenn sie in kaltes Wasser eintauchen, wird Entkräftung durch Kälte genannt. Fehlt ausreichende Wärmeisolierung, hilft sich der Körper selbst. Lange bevor Ihre Körpertemperatur um ein Grad absinkt, verengen sich die Adern in den Gliedmassen (das sind die Körperteiel, mit denen sie schwimmen). Sie verlieren die Kontrolle über ihre Hände und die Muskeln in Armen Beinen erschöpfen, versagen, sie über Wasser zu halten. Ohne irgend eine Art Auftriebshilfe wird auch der beste Schwimmer unter uns in weniger als 30 Minuten in kaltem Wasser ertrinken. Ohne dass die Kerntemperatur sinkt, sterben mehr als 50 Prozent der Menschen, weil sie durch die Entkräftung ertrinken.  
Überlebensdauer nach Geschlecht und Körpergewicht. Quelle: Soundings  
Unterkühlung Unterkühlung kann töten, aber das geschieht nur in 15 Prozent der Todesfälle in kaltem Wasser. Sie müssen irgendeine Art Schwimmhilfe habe, um überhaupt unterkühlen zu können und das dauert viel länger, als sie denken. Wir sind in dieser Hinsicht alle unterschiedlich, ich verbrachte einmal in Straßenkleidung eine Stunde lang in sieben Grad kaltem Wasser und meine Kerntemperatur war nur weniger als zwei Grad gesunken. Ich war nicht klinisch unterkühlt. Es war gewiss ungemütlich und ich möchte Ihnen nicht empfehlen, Ihre eigene Grenze herauszufinden. Aber es hätte vermutlich noch eine weitere Stunde bis zur Bewusstlosigkeit gedauert und eine weitere Stunde um meine Kerntemperatur unter den Punkt ohne Wiederkehr sinken zu lassen.Die Körperreaktionen um ihren Kern warm zu halten - Blutgefäßverengung und Zittern - sind überraschen wirksam. Zittern und verminderter Blutaustausch sind so effektiv, dass ich zwanzig Minuten nachdem ich reingesprungen bin, 37,8°C auf dem Fieberthermometer hatte. 
Bergungstod Ich habe die Zahl der Überlebenden vergessen, die ich hinten im Hubschrauber genervt habe, weil ich sie nicht sterben lassen wollte. Ich hatte eine Regel: Wenn sie aus einer Kaltwasser-Umgebung kamen, lagen sie flach und blieben flach liegen, bis der Arzt in der Notaufnahme sagte, dass sie aufstehen können. Es war mir egal, wie gut sie sich fühlten oder wie warm zu sein sie glaubten, denn was sie endgültig umbringt ist der Bergungstod. Kurz bevor, während oder danach, manchmal Stunden später, verlieren die in kaltes Wasser eingetauchten Opfer das Bewusstsein, erleben Herzkammerflimmern oder einen Herzstillstand. Unterkühlung bewirkt bewirkt mehr als dass alles kälter wird. Die Opfer reagieren eine Zeitlang physiologisch anders. Eine Sache die sich ändert ist die Herzfrequenzvariabilität. Mit anderen Worten, die Fähigkeit des Herzens schneller oder langsamer zu schlagen wird durch die Kälte betroffen. Hoch zu kommen und sich zu bewegen verlangt vom Herz eine größere Menge Blut zu pumpen und aufrecht und aus dem Wasser zu sein ist ebenfalls anstrengend. Dann brechen andere Faktoren zusammen und das Herz beginnt zu flattern anstatt zu pumpen - und schon gehts mit Dir abwärts. Opfer einer Kaltwasser-Immersion sind sowohl glücklich, überlebt zu haben und sehr anfällig. Bis alles wieder aufgewärmt ist, muss genügen aus dem Wasser und trocken zu sein. Mobilität muss warten.
Wenn Sie hier nur irgend etwas Neues gelernt haben nutzen Sie es hoffentlich für gute Entscheidungen, wenn es darum geht an und auf kaltem Wasser sicher zu sein. Überlegen sie vernünftiges Verhalten wie:
  1. Bei Arbeiten an Deck bei Wassertemperaturen unter 15°C immer Rettungswesten tragen
  2. Wenn sie Zeuge eines Mann-über-Bord sind, bringen die den Rettungsrind unmittelbar zu der Person. Das ist äußerst wichtig. Lebensnotwendig. Schritt eins. Unbedingtes Muss.
  3. Stellen Sie sicher, dass ihr Rettungsring nicht nur einfach an Bord ist, sondern sofort einsatzbereit  und nicht an der Halterung festgebunden.
  4. Tragen Sie immer wenn Sie bei kaltem Wasser an Deck arbeiten, eine Rettungsweste. Sagte ich das nicht bereits? Nun wenn ich keine Artikel mehr lese, die damit enden, dass erfahrene Seeleute starben, weil sie glaubten etwas von kaltem Wasser zu verstehen, lasse ich mir bessere Ratschläge einfallen.
P.S. In allen Artikeln wird gewarnt, dass Alkohol die Gefahr durch Unterkühlung stark vergrößert.

15.10.17 Ein guter Schluss ziert alles

Ohne Kraft kein Apfelsaft
Nebenan kommt Kompott dran
In diesem Jahr strapazierte der Apfelmarkt auf dem Bohlwerk die Zuversicht der Traditionsschiffer und ihrer Freunde. Gleich drei Tiefdruckgebiete gaben sich die Türklinke in die Hand und hielten Flensburg und die Förde unter einer tiefen, grauen Wolkendecke aus der gelegentlich sich auch noch nasser Nebel auf das Land senkte. So kann's eben kommen, wenn sich Petrus einen Teufel um die Wettervorhersage schert. Die hatte noch Hoffnung auf "Im Verlauf des Tages zunehmende Wahrscheinlickeit von Sonnenschein" geweckt. Und dann das! So hatte sich mancher Freund der Apfelfahrt doch lieber anderen Zielen zugewandt und nur wenige fanden sich auf dem Bohlwerk ein. So mussten viele knackige Äpfel, frisch gerauchte Fische, Reibekuchen, Schmalzbrote und Bratäpfel, Maroni und Bratwürste, Kakao und Kaffe und auch der Apfelkuchen vergeblich auf Kunden wartend ausharren. 
Immer noch voll bei der Sache
Schlimmer noch: selbst die Spielangebote für Kinder mussten warten. Sogar die Apfelpresse, eine der großen Attraktionen für die Kleinen war nahezu verwaist. Entsprechend gedämpft war die Stimmung der gemeinnützigen Hökerer des Museumshafens. Am Abend des trüben Tages richtete sich die Hoffnung nun auf den Sonntag. Wieder waren Sonnenstunden angekündigt, die mussten jetzt doch endlich auch mal kommen. Doch welche Enttäuschung! Der Tag begann mit Nebel und entsprechend kamen nur wenige Besucher zum Hafen und die hatten auch eher das Angebot von Bens Fischhütte und den Apfelpunsch im Sinn. Schon wurde überlegt, was mit den unverkauften Leckereien anfangen?

Plausch unterm Krahn
Skizze: W. Kühn ©
Wie sagte Baseball-Legende Yogi Berra"It ain't over till it's over." Wie wahr. Man darf die Hoffnung nie aufgeben. Kaum hatte die Uhr am Schifffahrts-museum Eins geschlagen, tasteten die ersten Sonnen-strahlen über den Hafen. Und wie auf Kommando kamen die lang ersehnten Stadtbummler auf das Bohlwerk. Und wer hätte das gedacht! Nach ein paar Stunden am Nachmittag waren die geräucherten Fische, das Gebäck, alle anderen guten Sachen und natürlich auch die Äpfel ausverkauft. Und selbst als die ersten Verkaufsstände abgebaut wurden, pressten einige Kinder immer noch voller Eifer ihren eigenen Apfelsaft. 
Herz, was willst du mehr!  

13.10.17 Fahrt mit Äpfeln

Während wir mit BODIL, dem hellblauen Haikutter von 1924 aus dem Museumshafen auslaufen, machen sich auch die Lüttfischerboote zum Ablegen bereit. Wir verlieren sie bald aus dem Blick, denn während sie Kollund Mole ansteuern, führt unser Kurs nach Glücksburg. Von den "Dickschiffen" des Museumshafens sind außer uns noch FULVIA, GRETA, PIROLA und THOR unterwegs. Außer ihnen und ein paar modernen Jachten sehen wir auch FROUWE FORTUNA und PROVIDENTIA auf der Förde. Der Wetterfrosch hat zeitweilig zunehmende Bewölkung vorhergesagt und ein paar Stunden Sonnenschein. Den hat es auch sicherlich gegeben, jedoch über den Wolken aber nicht weiter unten, wo wir segeln. Auf der Förde ist es eher bedeckt, diesig und später am Tag kommt auch noch Nebelnässen dazu. Warum diese Aufzählung metereologischer Zumutungen? Einfach deshalb, weil es uns die gute Stimmung an Bord nicht vermiest. Als Passagiere haben sich junge, ganz junge und jung gebliebene eingefunden und dazu der Hafenmelder. Diesmal allein und dazu auf einem "Fremdschiff" dafür aber mit dem Auftrag, schöne Bilder zu knipsen. Eine Auswahl wird  die zuhause gebliebene Hafenmelderin einer Veröffentlichung in ihrem Facebook Blog wert finden.

Das hat sie mittlerweile gemacht und zu drei Alben zusammengefasst. Voilà: da sind sie:
Album I
Album II
Album III

Die Sonne macht sich rar, glücklicherweise tut der Wind es ihr nicht gleich. Er weht frisch aus Südwest und treibt den historischen Fischereisegler unter Klüver, Fock, Groß- und Toppsegel hurtig über die kurzen grüngrauen Wellen. Hin und wieder spritzt einen neckische Welle ein bisschen Gischt über die Verschanzung. Mittlerweile stehen reichlich Kaffee, Tee, Mineralwasser, Limonade und eine deftige Brotzeit auf dem Deckshaus. Allerdings nicht lange, denn Seeluft macht auch heute hungrig. Ursprünglich sollte der Kurs nach Glücksburg um die Ochseninseln herum führen. Vor dem Wind segelnd hätte es jedoch notwendig werden können in dem sehr engen Sund mehrfach zu halsen. Skipper Uwe entscheidet sich auf direktem Weg ans Ziel zu segeln. Nach ein paar Halsen kommen wir Glücksburg nahe. Viel zu früh und vor die Wahl gestellt den Vorsprung an der Seebrücke "abzufackeln" oder lieber noch ein paar Kreuzschläge zu segeln, stimmen alle für die Segelei. Also geht's noch ein paarmal hin und her. Diesmal sind Wenden das Manöver der Wahl. Das fordert den ganzen Einsatz der Bootsfrauen und -Männer. Und das Ergebnis: ein gelungenes Manöver und zehn Minuten Tiefenatmung. Zum Schwitzen reicht's heute nicht, es ist zu kühl.

In Glücksburg sehen Viele beim Anlegen zu. Ist ja auch immer wieder spannend zu sehen, wie sie das machen, die Traditionssegler. Heute legen vier der Schiffe aus dem Museumshafen an. Schon bald kommen die ersten Kisten mit Äpfeln an Bord. Sie werden von Hand zu  Hand über die lange Anlegerbrücke gereicht. Das ist jedesmal, man glaubt es kaum, eine Attraktion, die viele Menschen anzieht. Und Jeder und Jede darf sich mit einem Griff in die Apfelkisten selbst belohnen. Es gibt unterschiedliche Sorten: Boskop natürlich und Holsteiner Cox, auch Ingrid Marie und Santana. Sie werden morgen (bestimmt) und übermorgen (nur was vom Tage zuvor übrigblieb) auf dem Bohlwerk verkauft. BODIL übernimmt etwa 800 kg der knackigen Früchte als Deckslast.



Bald schon geht es wieder zurück. Mit langen Schlägen, jetzt gegen den Wind in Richtung Flensburg. Vor Glücksburg trainieren Regattasegler, sonst sind nur wenige Boote unterwegs - kein Wunder denn mittlerweile hat der Wind zugenommen und feuchte Nebelluft durchnässt die Kleidung. Fünf Stunden nach der Abreise sind wir wieder zurück. Vom Wind durchgepustet, mit Backen so rot wie reife Äpfel, angenehm müde. Was kann man sich Besseres wünschen?

12.10.17 Geheimtipp

Lüttfischer. Die Apfelfahrt erinnert an ihren Beitrag
zur Versorgung der Stadt in früheren Jahren
Zeichnung: W. Kühn ©
Wer im Veranstaltungskalender*) des Flensburger Tageblatts von heute nach der Apfelfahrt des Museumshafens sucht, sucht leider vergebens. Die erfolg- und traditionsreiche Veranstaltung des gemeinnützigen Vereins ist nicht zu finden. 
Unter der Überschrift "Deutsch-Dänische Apfeltage" werden statt ihrer lediglich Fragmente der 38 Jahre jungen Attraktion genannt. Doch diese lenken eher vom Thema ab, als dass sie informieren. Beispiel gibt schon der erste Satz der Ankündigung "13.00Uhr Startschuss der 'Auroras Kanoner' für die Traditionssegler". Warum und wohin sie starten darf geraten werden. Stattdessen wird auf ein "buntes Programm" in "Graasten, Kollund und Glücksburg" hingewiesen. 

Während die anderen im Kalender genannten Attraktionen für den  Sonntag einer eigenen Tagesüberschrift wert sind, wird der Apfelmarkt als "Markt, auf dem die verschifften (Anm.: was für ein Wort!) Äpfel und andere regionale Produkte 'verhökert'" werden, beschrieben. Dabei gibt's Musik und andere Unterhaltung. Seit jeher  sind besonders auch 
Kinder mit Freude dabei, etwa wenn sie ihren eigenen Apfelsaft pressen.   

Die missratene Ankündigung verwundert, denn die Zeitung kennt die Apfelfahrt sehr gut; erst vor zwei Tagen hat sie einen informativer Artikel gedruckt. 
So wie die Paralellveranstaltungen in anderen Orten längs der Förde einseitig hervorgehoben werden, informiert die Terminübersicht an der Tatsache vorbei, dass die Apfelfahrt seit mindestens zwanzig Jahren die durchaus schönen Feste in Graasten, Glücksburg und Kollund nach Kräften gefördert hat, zeitweise gegen den Widerstand der dortigen Ortsvertretungen. Sie hätte verdient, im Kalender mit Namen und Inhalt genannt zu werden und zwar für alle drei Veranstaltungstage. Viele Leser werden sonst fernbleiben oder sich anderen Zielen zuwenden. Ob das die Begeisterung der gemeinnützigen Akteure in Flensburg befeuert, mag sich jeder selber ausdenken. Die Apfelfahrt als einen im Wortsinn "Geheimtipp" zu behandeln hilft sicherlich nicht.

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*) Donnerstag, 12. Oktober 2017  FLT Seite 22 Die Woche in und um Flensburg