11.11.13 Zeit der Jecken

Heute ist der erste Tag der närrischen Saison. In dieser Zeit tun im Süden des Landes Mann, Frau und Kind, was sie in der übrigen Zeit nicht tun, zumindest nicht öffentlich. Zum Beispiel verkleiden sich Landratten als Kapitän oder Pirat, um ihre Narretei auszuleben. Im Übrigen hoffen die Jecken¹) dass diese Zeit ewig währen möge.
Hier im hohen Norden, wo der protestantische Einfluss stärker ist als im rheinischen Süden, verkleiden sich notorische Segler als Landratten und hoffen, dass die fünfte Jahreszeit schnell vergeht. Am Aschermittwoch ist alles vorbei ... In diesem Sinn sind Jecken in Nord und Süd einander nahe. Der Stichtag fällt im nächsten Jahr auf den 05. März. Das ist auch ungefähr die Zeit, in der Schiffe für die kommende Saison segelfertig gemacht werden.

Heute ist aber auch ein schöner Sonnentag. Ideale Bedingung, um das Schiff einen Schritt weiter einzuwintern. Diesmal werden alle Blöcke und Fallen abgebaut, um sie während der kalten Monate durchzusehen und die Holzblöcke frisch zu lackieren. Gut unter Lack, sollen sie im Frühjahr, zu Beginn der nächsten Segelsaison, wieder angeschlagen werden. Man muss schon ganz schön jeck sein, um bei wenigen Graden über Null Stämme fünfzehn Meter hochzukrabbeln um mit klammen Fingern in luftiger Höhe Blöcke mit Zeisingen zu sichern, die Schäkel zu öffnen und vorsichtig abzufieren. Gestern war das auch nicht so prickelnd. Kaum oben, zogen dichte Regenschauern über den Hafen. Also ging es wieder runter. Schließlich gibt es Schöneres als im Mast zu hängen und von kaltem Regen abgeduscht zu werden.

Dennoch sind die närrischen Segler besser dran als die Jecken im Süden. Kommt für Letztere die nächste Fastensaison näher, können sich Erstere auf die nächste Segelsaison freuen.

In dem Sinne: Alaaf! Helau! und auch Ahoi!

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¹) "Ein Jeck kann ... eine Person sein, der geistige Verwirrung oder geistiges Unvermögen unterstellt wird. Hierbei ist zu beachten, dass es sich bei einer jecken Person im Allgemeinen um eine harmlose Variante des Verrückten handelt..."
aus: WIKIPEDIA, Jecken

09.11.13 Zu Gast im Historischen Hafen

Flensburg ist immer wieder mal Ziel besonderer Schiffe, auch wenn sie nicht unbedingt den üblichen Vorstellungen von Traditionsschiffen entsprechen. Wir dürfen an den letzten Gast erinnern, die ARCHE NOAH und auch an den THE WORLD, das schwimmende Appartmenthaus für Betuchte.

Foto: SANCOUSSI STAR

Und nun SANCOUSSI STAR, eine klassische Hochseemotorjacht aus Gibraltar, von der die Internetseite sagt, sie ließe den "Grandeur" des traditionellen Reisens widerhallen. Übersetzt kann das "Erhabenheit" genau so gut wie "Größe" oder sogar "Größenwahn" heißen. Also "Größe" stimmt, abgeschritten sind es um und bei 55 Meter. Wer sich das Schiff im Jahr 1982 auf der Husumer Schiffswerft hat bauen lassen, musste es sich vermutlich nicht vom Munde absparen.
Aber die Zeiten ändern sich, auch für diese Kategorie von Schiffen. Früher einmal ein "Spielzeug für Reiche", fährt es jetzt als Charterjacht. Wer will, kann es sich über "einen Makler seiner Wahl" gegen einen Obolus für einen oder viele Tage zu eigen machen, ob auf See oder im Hafen, sagt die Internetseite.
Nun liegt es an der Gästepier im Historischen Hafen. Die meisten Fenster sind verhängt. Einen neugierigen Blick kann man sich gerne (er)sparen. Ihm wird nur der Salon im Heck (Teaksessel mit blauweiß gestreiften Polstern unter einer Cabin Lamp aus Messing) und die Kombüse (Edelstahl) zur Ansicht geboten. Nicht geboten wird etwas Spektakuläres, wie zum Beispiel einen sorglosen Star (nomen est omen) oder gleich mehrere. Aber die Insassen des Hafenliegers bekommen auch nichts Besseres zu sehen: Das nächtliche Flensburg im Regen.

Wir lernen wieder einmal: Kleine Sünden bestraft der Liebe Gott sofort, wenn man zum Beispiel in fremde Fenster guckt. Die Internetseite der SANCOUSSI STAR straft gleich mit. Unter der Rubrik "Destination - Todays Position" wird Flensburg nicht mal erwähnt. Und das nur wegen ein bisschen Neugier. Wir bereuen und geloben Besserung.

P.S. 12.11.13 Die Internetseite nennt Kopenhagen als den heutigen Liegeplatz. Das ist ja mal 'ne nette Verwechslung! Aber wir haben auch wirklich viele Besucher aus Dänemark hier.

06.11.13 Bereit für den Winterschlaf

Moderne Jachten sind schon seit einigen Wochen im Winterlager. Nun stehen sie an Land, teils in Hallen, teils im Freien. Die Schiffe am Bohlwerk bleiben ganzjährig im Wasser. Sie folgen damit traditionellen Vorbildern. Als die alten Fischereifahrzeuge noch jung und im gewerblichen Einsatzwaren, wurden sie außerhalb der Fangsaison außer Dienst gestellt. Seitdem hat die Segelsaison die Fangsaison abgelöst. Außerhalb dieser Zeit liegen sie auf, oder, vollständig ausgesprochen: dem Eigner nutzlos auf der Tasche.

CHARLOTTE im Schlafrock

Ein Schiff ist dieser Hinsicht einem kranken Hofhund ähnlich. Nutzlos liegt es an seinem Platz, fordert aber dennoch Aufmerksamkeit und Pflege. Holzschiffe sind, wie der erwähnte Hofhund, dankbar für jede Fürsorge. Freut sich dieser über eine warme Decke, ist jenes für eine wetterfesten Plane als Schlafrock dankbar.
Nun hat auch CHARLOTTE einen solchen Schutz bekommen. Makellos, in hellem Grau, wirkt die faltenlose Baumpersenning wie ein Fremdkörper im ansonsten eher rustikalen Museumshafen. Sollte jemand ein wenig traurig sein, wenn bei diesem Anblick an sein eigenes Schiff denkt? Ihm oder ihr sei ein Spruch verraten, mit dem ein Stegnachbar vor Jahren unser damals komplett renoviertes Schiff kommentierte: "Seht sie euch ganz genau an. So wie jetzt, wird sie nie wieder aussehen. Ab heute vergammelt sie unaufhörlich mit jedem Tag ein bisschen mehr".

04.11.13 Traditionschiffe: Was Andere dazu sagen

Wenn die Schiffe Trauer flaggen
Foto: Blackflag

Wie schon mehrfach berichtet, führte die Anwendung der Traditionsschiffsrichtline zu teils heftigen Kontroversen mit Eignern und Sympathisanten der alten Schiffe. Bekanntlich wurde von einigen das bevorstehende "Sterben"  der Traditionsschiffe vorhergesagt. Um die Situation zu entschärfen, hat das zuständige Ministerium ein Moratorium verfügt, das inzwischen in Kraft ist. Nun haben die Traditionsschiffer Gelegenheit, die eigene Verhandlungsposition festzulegen. Hier ein Beitrag des Museumshafens Oevelgönne, dem ältesten und, wie manche sagen, traditionsreichsten in Deutschland. Wir erhielten ihn heute mit der Bitte um Veröffentlichung in den HAFENMELDUNGEN, verbunden mit der Information, dass der Museumshafen Flensburg dieselbe Position einnimmt, wie die der Kollegen in Oevelgönne:


"Liebe MitstreiterInnen,
viele von uns beschäftigen sich diese Tage nicht nur mit der Einwinterung unserer Schiffe und Häfen, sondern leider auch mit dem ungeliebtem Thema „Traditionsschiffrichtlinie".
Als ältester deutscher Museumshafen in privater Trägerschaft sieht sich der Museumshafen Oevelgönne e.V. dem Erhalt und Ausbau der ehrenamtlichen Traditionsschifffahrt in Deutschland seit 1976 verpflichtet. Aus Anlass  der während der  Hanseboot in Hamburg geplanten Sitzung zu dieser Thematik haben wir uns entschlossen, unsere Position im Internet darzustellen.
Wir würden uns freuen, wenn ihr eure Mitglieder auf unsere Stellungnahme aufmerksam machen könntet."

Einigkeit macht stark. Das Moratorium gibt auch Zeit, über die Grundsätze der Traditionsschifffahrt neu nachzudenken, bevor neue Gesprächsrunden mit staatlichen Stellen beginnen. Sie sollte konstruktiv genutzt werden, um eine einvernehmliche Verhandlungsposition festzulegen. Vielleicht bleibt auch noch Zeit, verbal abzurüsten. Denn die Erfahrung lehrt, dass ein schwieriges Thema durch Emotionen noch schwieriger wird.
Die o.a. Sitzung zu diesem Thema sollte am 01. November stattfinden. Das Ergebnis ist bislang nicht bekannt.

04.11.13 November im Regen


Der große Sturm vor einer Woche hat das Wetter nicht beruhigt.
Seit Tagen weht kräftiger bis stürmischer Wind und eine Regenfront folgt der nächsten. Eigentlich ist es ein Wetter, bei dem jeder gerne unter einem festen Dach bleibt, arbeitet oder Kakao trinkt. Aber das Bohlwerk wird sogar bei diesem Wetter immer wieder besucht. Scheint die Sonne mal durch eine Wolkenlücke, leuchten die Farben vor dem dunklen Himmel wie eine Neonreklame. Doch im Nu ist das Bild wieder weggewischt und feiner Regen staubt über Stadt und Hafen. Nimmt der Wind zu, fallen auch dichte Schauer wie von einer Dusche. 
Auf CHARLOTTE sollten die neuen Segel bei der Apfelfahrt ausprobiert werden. Daraus wurde nichts. Nun müssen sie wohl bis zum Frühjahr auf ihren ersten Einsatz warten.

MEJSEN schon im Winterschlaf
Heute vor einem Jahr waren auf WIEBKE BOHLEN die Segel längst abgeschlagen und trocken im Winterlager verstaut. Außer den Segeln sollen auch alle Blöcke abmontiert werden, um sie über den Winter zu überholen und neu zu lackieren. Das Tauwerk kommt erst in die Waschmaschine bevor es getrocknet und in Bunschen aufgeschossen aufbewahrt wird. Aber heute wird es mit dieser Aktion wieder nichts werden. Der morgige Dienstag soll eine kleine Verschnaufpause in dem herbstlichen Wetterdrama bringen. Also heisst es: Weiter hoffen.

Die Crew von MEJSEN war schneller. Bei Nieselregen hat sie die Segel und Blöcke abgeschlagen und das Schiff mit der Plane abgedeckt. Vielleicht hat sie eine Möglichkeit, die Segel in einer Halle oder Scheune zu trocknen, bevor sie verstaut werden. Der Winter kann kommen.

SORTE SARAH
ARVED noch bereit zum Segeln
Im Lüttfischerhafen sind die meisten Boote schon unter Dach und Fach. ARVED, die Arendal-Sjekte des Museumshafens, und SORTE SARAH, das neu erhaltene Geschenk an den Historischen Hafen  liegen noch an ihren Leinen und  sammeln Regenwasser. Ob sie noch mal eingesetzt werden sollen?

Auch auf der Museumswerft hat man sich für die nassen und oft schneereichen Wintermonate vorbereitet. Das Holzlager wurde weitgehend überdacht. Jetzt ist  der wertvolle Vorrat dort vor dem Verrotten geschützt. 

Gut geschützt: Holzlager der Museumswerft

Auf LILLE BJØRN wurden während der letzten Monate Fenster und Türen ausgebaut. Die Planen hat der Sturm weggerissen. Nun liegt die 60 Jahre alte Brigantine dem Wetter schutzlos ausgeliefert im Hafen der Museumswerft. Ihr Eigner hat wohl die Freude an dem Schiff verloren. Es sollte für den Walschutz eingesetzt werden. Nun braucht das Schiff selber einen Schützer.

Schutzlos: Walschützerschiff LILLE BJØRN ...

Daneben haben der Prahm WILHELMSHAFEN und der halb fertig restaurierte alte Logger MARIE von 1913 seit Jahren ihren Liegeplatz. Wie es aussieht, werden die Schiffe noch eine Weile dort ungeschützt aufliegen. Wie lange dauert es eigentlich, bis ein Stahlrumpf durchgerostet ist?

... und MARIE