11.06.14 Maritimes Erbe (2)

Mittlerweile ist die Replik der Fregatte SHTANDART von 1703 nach Swinoujscie (Polen) abgereist. In diesem Jahr ist ihr Fahrtgebiet zwischen Finnland und Holland. Sie wird auf Hafenfesten zu besichtigen sein und mit Charterreisen, und als Kulisse für Filmaufnahmen Geld für den Unterhalt verdienen.

Wir sahen das Schiff zum ersten Mal im Jahr 2004 im Englischen Kanal auf dem Weg nach Brest. Damals waren wir mit CARMELAN auf dem Weg in zu den Fêtes maritimes de Brest. Der Wind blies kräftig aus Nordost und der alte Haikutter aus dem Museumshafen Flensburg rauschte nördlich Cap la Hague mit dem Ebbstrom in Richtung Atlantik, als hinter uns am Horizont ein Gebirge von Segeln auftauchte, das schnell näher kam. Bald konnten wir Rigg eines Schiffs aus dem 18. Jhd erkennen, wie wir es zuvor nur in Piratenfilmen gesehen hatten. Den Bug tief in die Welle gedrückt, zog es an uns vorbei mit dem typischen Galion vor dem Steven, Stückpforten in den Flanken und einem in Stufen ansteigenden Deck. Bald konnten wir das Heck mit der Galerie bewundern und es dauerte nicht lange, da war ihre Silhouette hinter dem westlichen Horizont verschwunden. So muss der Fliegende Holländer auf seine Zeitgenossen gewirkt haben; Wie ein Spuk, eindrucksvoll und unvergesslich. 

Später begegneten wir der Fregatte bei anderen Hafenfesten, in Kiel und auch in Flensburg. Bis zur letzten Woche hätten wir nicht gedacht, auch einmal selber auf ihr mitsegeln zu können.  Aber dann konnten wir als Teilnehmer des Treffens der EMH-Konferenz zumindest einen kleinen Ausflug auf die Innere Förde unternehmen.

Dieses Schiff zu betreten ist ähnlich wie eine Mauer zu queren um in das Innere einer Burg zu
kommen.  Erst klettert man die Gangway hoch, geht durch eine Pforte in der Schanz um dann über eine steile Treppe hinunter aufs Deck zu gelangen. Dort angekommen muss man sich auf die Zehenspitzen stellen, um "nach draußen" über die Schanz hinweg zu sehen - außer, man ist mit einer gehörigen Körpergröße gesegnet. Auf der Innenseite der Schanz sind die Kanonen festgezurrt, darüber Geräte an langen Stöcken für die Beschickung der Geschütze. 

Über den Köpfen liegen Reserve-Masten und Spieren. Grätings i
n der Mitte des Decks belüften und beleuchten die unteren Räume. Nur die Rettungswesten unter der Decke im Vorschiff erinnern daran, dass wir nicht vor 300 Jahren leben, sondern im Jahr 2014. Rechts und links von den gewundenen Treppen zum Campanjedeck starren uns geschnitzte Fabelwesen an. Das Geländer besteht aus geschlagenen Tauen, kunsvoll gespleisst. Die Masten sind umsponnen und umschlungen von massivem Tauwerk, dick wie Stämme junger Bäume, mit riesigen Taljereeps gespannt. Über uns drei Rahen am Hauptmast, mit riesigen, wie Wolkenstores hängenden Segeln. 

Am Heck eine Nationale in den Farben Russlands, weiss, blau und rot, groß genug, um ein Sportboot darin einzuwickeln. Alles sehr beeindruckend. Plötzlich ein scharfer Knall. Blauer, dichter Rauch hüllt die Steuerbordseite ein und nimmt die Sicht. Eines der Geschütze wurde in Höhe der Wasserschutzpolizei abgefeuert. Ob dahinter eine besondere Absicht steckte, blieb im abziehenden Pulverrauch verborgen. Imponiert hat auch die junge Frau, die das große Schiff mit unmerklichen Bewegungen am Radruder unter Segeln in den Flensburger Hafen steuert, bis fast an die Hafenspitze. Dort wo wir mit unserem eigenen kleinen Schiff schon überlegen, ob der Platz für eine Wende ausreicht, fallen die Segel und mit einem Rest an Fahrt und  Maschinenunterstützung legt SHTANDART an der Pier des Historischen Hafens an. 

Kommandant und Kapitän Vladimir Martous
und Rudergängerin der SHTANDART
Das Motto der EMH-Konferenz war "Maritime culture across countries". Es hätte nicht besser in die Zeitgeschichte passen können. Hat doch Russland gerade versucht - und vielleicht auch endgültig erreicht - die Krim zu annektieren, die Zar Peter der Große einst dem Einfluss des Osmanischen Reiches entreissen wollte. Ihm ging es um den Zugang zu den Weltmeeren, wie heute auch Wladimir Putin. Schließlich erreichte er sein Ziel durch den Sieg über Schweden, das die Ostsee beherrschte.
Nordeuropa war auch danch Jahrhunderte lang Schauplatz kriegerischer Auseinandersetzungen. Im Dänisch-Deutschen Grenzland spielten nationale und kulturelle Vorbehalte in noch gar nicht so lang zurückliegender Zeit eine wichtige Rolle. Sie wirkten auch nach Gründung der Europäischen Union weiter. Diese fördert deswegen grenzübergreifende Projekte, wie z.Bsp. auch die Kongelic Classic Regatta zwischen Appenrade (DK) und Flensburg.
Während der See-und Landkriege und in der Zeit dazwischen verband die seefahrende Bevölkerung der Küsten jedoch ein gemeinsames Verständnis für den Kampf um das Leben und Überleben auf See. Die daraus enstandene maritime Kultur wirkt bis heute fort.


SHTANDART in Zahlen und Fakten


Schiffstyp Sail Training Ship (Replik der Fregatte 1703)
Entwurf Zar Peter der Große
Schiffbauer Vladimir Martous
Eigentümer Shtandart Projekt, St Petersburg, Russland
Heimathafen St Petersburg, Russland
Kiellegung 04.11.1994
Stapellauf 04.09.1999
Werft Peter the Great Admiralty St Petersburg
Verdrängung 220 t
Bruttoraumzahl 128 t
Nettoraumzahl 38 t            
Rumpfmaterial Planken aus Lärche auf doppelten gesägten Spanten aus Eiche
Länge über alles (LOA) 34.5 m
Länge Wasserlinie (LWL) 24.2 m
Länge Hauptdeck 25.4 m
Rumpfbreite 6.95 m
Depth in hold 2.45 m
Depth molded 1.9 m
Tiefgang 3.3 m
Gesamt-Segelfläche 660
Anzahl Segel 14
HHöhe Hauptmast über WL 33 m
Antriebsmaschinen 2 x VOLVO PENTA TAMD-122P
Gesamtleistung 2 x 390 kW
Geschwindigkeit 10 knots
Frischwasser Kapazität 6 tons
Reichweite 250 miles from port/haven
Crew 6
Trainees 19