13.12.12 Logismöbel

Wer hat nicht schon einmal davon geträumt auf einer verwunschenen Insel in der Karibik eine Schatzkiste zu finden, wie sie in dem Roman "Treasure Island" von Robert Louis Stevenson gesucht und gefunden wird. Auch in modernen Werken wie dem "Fluch der Karibik" ist sie unverzichtbar. Während sich alle Welt Gedanken über Art und Herkunft des Inhaltes solcher Kisten macht, konnten wir heute einen sehr informativen Vortrag über die Kiste selbst erleben.
Zeichnung: W. Kühn

Peter Barrot hat sich auf das sozialgeschichtliche Thema der Seekiste spezialisiert. Was zunächst wie ein triviales Interessengebiet ohne weitergehende Bedeutung daher zu kommen schien, entwickelte sich in seinem Vortrag zu einem sehr vielschichtigen Wissensgebiet. Im Rahmen des dritten  Nautischen Abends in der Borgerforeningen Flensburg stellte er sein Thema "Seekisten-Vielzweckmöbel der Seeleute" auf sehr interessante Weise dar.

Wir konnten erfahren, dass die geschichtlichen Wurzeln und Spuren der Seekiste nur bis zu den Wikingern zurück verfolgt werden kann. Denn obwohl Phönizier, Griechen und Römer schon Hochseereisen unternommen haben und die Odyssee oder auch die Reise der Argonauten die frühesten literarische Zeugnisse der Seefahrt  in Europa sind, geben sie keinen Aufschluss über eine naheliegende Frage: Was hatten die Seefahrer damals mit auf die Reise genommen und wie haben sie es transportiert? Zwar ist der Rat des Anthistenes, man solle auf eine Seereise immer nur so viel mitnehmen, wie man bei einem Schiffbruch zu retten in der Lage wäre, immer noch sehr brauchbar, hilft aber in der Frage nicht weiter, wie der Seemann sein Hab' und Gut damals bei sich geführt hat.

Erst bei den Wikingern gibt es erste literarische Hinweise und auch von den Koggen-Fahrern der frühen Neuzeit sind mögliche Hinweise auf Seekisten überliefert. Genauere Beschreibungen datieren erst viel später, wie zum Beispiel in "Allgemeines nautisches Wörterbuch, mit Sacherklärungen von Eduard Bobrik aus dem Jahr 1850". Erhalten sind Seekisten seit dem 17. Jahrhundert, die älteste aus Deutschland stammt von 1713. Sie dienten Walfängern und Robbenjägern. 

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Seekisten werden oft mit Brautkisten der Bauern verwechselt, obwohl die Unterschiede zahlreich und markant sind:
Seekisten sind immer ca. ein Meter lang und ungefähr 45 x 45 cm hoch bzw. breit und die Deckel waren immer flach. Das hat damit zu tun, dass sie zu zweit vor den Kojen im Logis standen; eine für den Vollmatrosen, der oben "wohnte" und eine für den Leichtmatrosen oder Schiffsjungen der mit der unteren Koje zufrieden sein musste. Die Seekiste war unterteilt und hatte eine kleine Beilade im Innern, bei Nautikern auch ein "Nautisches Fach" für Seekarten und Instrumente. Sie sollte seine Kleidung und persönlichen Gegenstände aufnehmen und war damit auch der einzige private Raum, der dem Seemann damals zustand. Als Sitzmöbel und Trittstufe dienend, war sie außen zumeist schlicht mit Ölfarbe gestrichen (oft in Zinkoxydgrün). Wer sich mehr leisten konnte, ließ sich die Kistendeckel innen mit Schiffs- oder Seemotiven künstlerisch gestalten. Diese Bilder wurden gerne mit gemaltem Tauwerk eingerahmt. Europäische Seekisten waren zumeist oben schlanker als unten und aus Nadelholz. Es gab auch Seekisten aus exotischen Hölzern und aus fernen Ländern. In China wurden Seekisten nach europäischem Geschmack angeboten, aber immer rechtwinklig. Manche Seekisten waren kunstvoll geschnitzt, andere eher nüchtern gehalten. Deutsche Seekisten waren in bester Tischlermaniert mit Verzinkungen ausgeführt, Holländische oft mit geschmiedeten Eckverstärkungen. Die waren damals teuerer und Holländer hatten wohl das Geld dazu. Es gab unterschiedliche Fallhenkel (vulgo: Griffe): aus Eisen geschmiedet, oder aus Messing bzw. Bronze. Letztere im allgemeinen für den Einsatz in den Tropen.

Manche Seekisten wurden von Generation zu Generation vererbt. Wenn sie außer Dienst gestellt wurden, blieb manchmal das Bild von der Deckel-Unterseite erhalten und legte Zeugnis ab von vergangenen und meist garnicht romantischen Seemannsleben.

Peter Barrot hat ein Buch zu dem Thema geschrieben und verschiedene Ausstellungen mit seinem Fundus bestückt. (Seekisten Vielzweckmöbel der Seeleute. Ein Beitrag zur Sozialgeschichte der Seefahrt










P.S. Traurig aber wahr: Der Seemann von heute staut seine Habseligkeiten nicht mehr in seiner Seekiste. Deren Platz hat der Seesack eingenommen. Der ist "praktischer". Leider können sich viele Seeleute so ein praktisches Utensil nicht leisten. Die kommen dann mit einfachen Pappkartons an Bord.